Hey zusammen, ich bin seit gut zwei Jahren als digitaler Nomade unterwegs und verdiene mein Geld hauptsächlich über Content-Erstellung und kleinere Webprojekte. Jetzt möchte ich das endlich professionalisieren und gezielt größere Kunden ansprechen – also Firmen die wirklich Budget haben, nicht nur Startups die einem Equity statt Geld anbieten 😅
Das Problem: Ich hab zwar jede Menge Projekte gemacht, aber viele Kunden wollen kein öffentliches Portfolio, also Verschwiegenheit vereinbart oder halt kleine Blogs die inzwischen offline sind. Auf LinkedIn sieht das dann ziemlich mager aus wenn man ehrlich ist.
Wie baut man da glaubwürdig Vertrauen auf? Ich hab schon überlegt ob ich einfach ein paar Eigenprojekte als Referenzen nutze – also Sachen die ich für mich selbst gebaut hab – aber ich weiß nicht ob das wirkt oder eher laienhaft rüberkommt.
Außerdem: Ich bewerbe mich ja nicht klassisch sondern pitche direkt per Kaltakquise via Mail oder LinkedIn. Gibt es da spezielle Tipps wie man die Erstmail formuliert, ohne wie Spam zu klingen? Im Sommer scheinen viele Ansprechpartner auch erstmal im Urlaub zu sein, macht es Sinn das eher auf den Herbst zu verschieben?
Freue mich über praktische Erfahrungen, gerne auch von Leuten die selbst auf der Auftraggeberseite sitzen.
Aus meiner Erfahrung im Personalwesen – und ich war wirklich oft auf der Empfängerseite solcher Anfragen – kann ich sagen: Eigenprojekte als Referenz sind absolut legitim, wenn sie sauber präsentiert werden. Entscheidend ist nicht ob du für Kunde X oder für dich selbst gearbeitet hast, sondern ob man sieht was du kannst und wie du denkst.
Was mich persönlich immer überzeugt hat: Wenn jemand konkret erklärt welches Problem er gelöst hat und welches Ergebnis dabei rausgekommen ist. Also nicht 'Ich hab eine Website gebaut' sondern 'Ich hab den Buchungsprozess vereinfacht und die Conversionrate um X% erhöht'. Zahlen, auch wenn sie geschätzt sind, machen einen großen Unterschied.
Zur Sommer-Frage: Ja, Juli/August ist tatsächlich schwierig. Viele Entscheider sind im Urlaub und der Rest ist im Vertretungsmodus. Ich würd wirklich empfehlen ab Mitte August anzufangen und die Hauptwelle auf September zu legen. Das ist erfahrungsgemäß einer der besten Monate für Erstakquise – alle sind zurück, ausgeruht und haben Budget-Entscheidungen für Q4 vor sich.
Für die Erstmail gilt: kurz, persönlich, und einen konkreten Mehrwert benennen. Nicht allgemein 'Ich biete Content-Services an' sondern zeigen dass du dir Gedanken über genau dieses Unternehmen gemacht hast.
Aus Unternehmersicht ergänze ich noch: Achte unbedingt darauf dass deine Erstmail rechtlich sauber ist. Kaltakquise per E-Mail an Privatpersonen ist in Deutschland ohne Einwilligung problematisch, bei Geschäftskunden mit nachvollziehbarem geschäftlichem Bezug ist es eine Grauzone aber grundsätzlich eher toleriert – solange du einen klaren Opt-out anbietest und nicht massenweise spammst.
Zum Portfolio-Thema: Ich würd klar trennen zwischen 'echten Kundenprojekten mit Genehmigung', 'anonymisierten Case Studies' und 'Eigenprojekten'. Alle drei sind valide, aber benenn sie ehrlich. Kunden die Erfahrung haben merken sofort wenn jemand versucht Eigenprojekte als Kundenarbeit zu verkleiden, und das zerstört das Vertrauen sofort. Transparenz kommt besser an als man denkt.
Ich bin jetzt zwar kein Freelancer, aber als jemand der lange im Bankenbereich gearbeitet hat weiß ich: Vertrauen kommt durch Nachvollziehbarkeit. Kannst du deine Arbeitsweise irgendwie transparent machen – z.B. über einen Blog oder kurze Case Studies – dann baut das über Zeit Vertrauen auf, auch ohne prominente Referenzen. Ist ein langer Weg aber solide.
Ich kenn das Thema gut, hab selbst den Weg von Festanstellung zu freier Beratung gemacht – hab dazu auch mal im Thread Festanstellung aufgeben für Freelance – finanziell wirklich sinnvoll? was geschrieben.
Ein Punkt den ich kritisch sehe: Viele Freelancer unterschätzen wie wichtig Testimonials sind im Vergleich zum Portfolio. Ein kurzes Zitat eines zufriedenen Kunden – auch wenn das nur ein kleines Projekt war – wirkt oft stärker als zehn Screenshots. Frag deine bisherigen Kunden aktiv nach einer kurzen Einschätzung die du verwenden darfst, selbst wenn das Projekt selbst nicht öffentlich gezeigt werden darf.
Und zur Kaltakquise: Ich wär ehrlich gesagt skeptisch was LinkedIn-Massen-Pitches angeht. Die Rücklaufquoten sind miserabel und man verbrennt sich schnell den Ruf. Persönliche Netzwerke, Empfehlungen, Fachforen – das bringt in meiner Erfahrung deutlich mehr als die hundertste generische Anfrage im Posteingang eines Managers.